Italiens Industriecharakter ist geprägt durch faszinierende Familiengeschichten, die in jahrzehntelanger Arbeit und Mühe ein Unternehmensimperium aufgebaut haben, das es heute noch zu bewundern gilt. Viele Unternehmen und Sparten haben sich im Laufe der Geschichte behaupten können, einige mussten weichen, andere hingegen bleiben unvergessen in den Köpfen der Italiener. Noch heute erinnern längst verlassene Fabriken als Zeugen glanzvoller Momente an die Existenz dieser Unternehmen. Einige leben weiter, andere haben interessante Zeitzeugen hinterlassen, die es zu bestaunen gilt.

Crespi d´Adda – Italiens Industriedorf

Zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert entstanden in Italien neben vielen Landwirtschaftsunternehmen auch wichtige Industriezweige, wie die der Stoffe (settore tessile). In der Provinz Bergamo am Fluß Adda, entschied 1878 die Familie Crespi nicht nur ein Stoffunternehmen zu gründen, sondern gleich einen ganzen Komplex mit sämtlichen Annehmlichkeiten, was Angestellte und Arbeiter benötigen könnten. Und so entstand eine Unternehmensstruktur mit einer integrierten Schule, einer Kirche, Krankenstation, einigen Freizeitmöglichkeiten und ein Theater. Praktisch gesehen kann man sagen, dass der Inhaber Christoforo Benigno Crespi seinen Angestellten Zugang zu einer Versorgung sicherte, die eigentlich sonst nur der italienische Staat formierte. Der Komplex wuchs als Arbeiterdorf heran, welches 1995 von der UNESCO als Welterbe aufgenommen wurde. Noch heute können alte Schornsteine, die farblich abgestufte Arbeitersiedlung und das pyramidenförmige Mausoleum der Familie Crespi bewundert werden.

Die 27 Gebäude von Olivetti in Ivrea

Im Jahr 2018 entschied die UNESCO, Ivrea mit seinen 27 von Olivetti zwischen 1930 und 1960 errichteten Gebäuden für die Produktion und für die Versorgung der Angestellten als Industriestadt des 20. Jahrhunderts zu würdigen. Olivetti, ein alteingesessenes Familienunternehmen, was 1908 durch Camillo Olivetti gegründet wurde, produzierte anfänglich Schreibmaschinen, die auf dem italienischen Markt und später auch im Ausland durch ihr innovatives Design reißenden Absatz fanden. Im Laufe der Geschichte kamen noch Computer und Bürogeräte hinzu. Olivetti integrierte in seinem Unternehmen nicht nur Büro- und Fabrikräume, sondern auch Mensen, Kreativzirkel, einen Kinderhort und 24 Wohneinheiten. Die alten im roten Backstein errichteten Gebäude stehen immer noch nahezu unversehrt in Ivrea, ebenso wie die neueren Fabrikgebäude mit Glasfassaden.

Biella – Città Creativa UNESCO

Fabriken entlang des Flusses Cervo in Biella

Biella ist einzigartig in seiner gesamten Stadtstruktur. Wer nach Biella in Norditalien kommt, wird unweigerlich mit der Textilproduktion konfrontiert. Die Stadt war durch ihre hochqualitative Woll- und Stoffproduktion seit dem 19. Jahrhundert in ganz Italien bekannt geworden. Bereits in der Antike stellte Biella grobgewebte Textilien in Form von Schulterumhängen für römische Truppen her. 1777 umfasste der Ort bereits 207 Fabriken mit rund 6.000 Arbeitern, wobei die Arbeit durch Frauen, Männern und auch Kindern unter erbärmlichsten Umständen verrichtet wurde. 1835 erwarb Massimo Sella entlang des Flusses Cervo ein Gebäude aus dem Jahr 1695, was zur Seidenproduktion diente und später in einen Wollweberei umfunktioniert wurde. 1866 gründete Giovanni Battista Rivetti Badone die Spinnerei Rivetti Padre e Figlio. Es wurden in Biella neue mechanische Webstühle durch Pietro Sella eingeführt, die die moderne Wollverarbeitung einläuteten. Die Produktion boomte. In den Jahren um 1980 waren in Biella über 1.000 Unternehmen mit rund 25.000 Beschäftigten in der Textilproduktion tätig. Durch Wirtschafts- und Finanzkrisen mussten in Biella viele Unternehmen später schließen, weshalb heute viele sehenswerte Fabriken leer stehen. Einige wurden umfunktioniert, andere warten auf neue Besitzer. Heute noch sind etliche namhafte Wollwebereien, Spinnereien und Textilprodukteure im Geschäft tätig. Zu den bekannten Unternehmen mit langer Familientradition in und um Biella gehören Ermenegildo Zegna, Lanificio fratelli Cerruti, Pollone S.p.A., Fratelli Piacenza und Lanificio Botto Giuseppe & Figli Spa.

Sermide – die nie fertiggestellte Fabrik 

In Sermide sollte die größte Zuckerfabrik (zuccherificio) gebaut werden. Und so begann man 1921 mit dem Bau einer Eisenbahnstrecke, die von der Haltestelle in Sermide bis zum zuccherificio gehen sollte. Es wurde die Anlegestelle Sermide Porto direkt am Ufer des Po errichtet. Die Konstruktion Teleferica, die in ihrer Architektur etwas Besonderes ist, da sie auf Stelzen im Po errichtet wurde, diente zum Transport von Gütern zwischen Lastkahn und Fabrikgebäude. Zusätzlich wurde eine hölzerne Landbrücke über den Po gebaut, an der Fischerboote und Lastenboote andockten. Nachdem der Zweite Weltkrieg gewütet hatte, gab es im Jahr 1945 die letzten größeren Überfälle auf Sermide, wobei die Brücke und die Zuckerfabrik zerstört wurden. 1971 wurde eine neue Brücke über den Po eingeweiht, dieses mal aus Zement zwischen Castelnovo Bariano und Sermide. Ihre Länge beträgt stolze 1480 Meter. 1982 schloss die Zuckerfabrik endgültig. Sie war damals die größte erbaute Zuckerfabrik Italiens, die leider durch die geschichtlichen Begebenheiten ihre Bestimmung nicht in dem Umfang wie geplant ausleben konnte. Heute kann man noch sehr schön die Teleferica und den Lastkahn in Sermide bewundern.

Eridania – Italiens erfolgreichste Zuckerfabrik

In Codigoro wurde 1899 Eridania zum ersten Mal als Fabrik zum Leben erweckt. Die Zuckerfabrik wurde jedoch in Genua als Società Anonima Eridania, fabbrica di zucchero gegründet. Um Zucker zu gewinnen, baute das Unternehmen selbst Rüben auf dem Großgrundbesitz an, wobei es einen fünfjähren Wechsel der Ländereien vorsah. 1900 konnte das kleine Unternehmen bereits ein Fabrikgebäude in Forli einweihen, was dazu führte, dass in wenigen Jahren der Rübenzucker der wichtigste Industriezweig der Romagna wurde, nachdem er auch den Hanf überholt hatte. Das Unternehmen wuchs rasant, sodass 1905 Giovanni Battista Figari seine eigene Finanzinstitution gründete, die Banco della Liguria, die dann 1911 von der Banco di Roma übernommen wurde. In weiteren Jahren wurden acht weitere Zuckerfabriken gekauft, die er ins Unternehmen einspeiste. Die Produktion verlangsamte sich erheblich während des Ersten Weltkrieges, als die Nachfrage nach Zucker sank, Arbeitskräfte fehlten und die Infrastruktur mehr schlecht als recht war. In den 1920er Jahren baute Eridania seine Industriegebäude aus, erschuf neue Gebäude und kaufte weitere kleinere Zuckerfabriken. Die Weltwirtschaftskrise 1928 bis 1929, in der viele Unternehmen in Italien zugrunde gingen, überstand das Unternehmen ohne größeren Schaden. 1930 fusionierte Eridania mit einem anderen zuckerproduzierenden, großen Unternehmen aus Genua, den Zuccherifici Nazionali. So entstand Eridania Zuccherifici Nazionali, das Ende der 30er Jahre bereits 28 Fabriken kontrollierte und 60 Prozent des Zuckerbedarfs in Italien deckte. Während des Zweiten Weltkrieges erlitt das Unternehmen schwere Schädigungen. Es gab nur vier Gebäude, die unbeschädigt davon gekommen waren. Eridania machte weiter und konnte sich neu strukturieren und aufbauen. 1966 kaufte der Ölunternehmer Attilio Monti Eridania und fusionierte es mit Saccarifera Sarda, Saccarifera Lombarda und Emiliana Zuccheri, wobei im Oktober 1967 vier weitere Fabriken hinzukamen, die Distillerie Italiane aus Rom, Ferrara, Sesto San Giovanni und Neapel. Durch das Management von Giuseppe De André, Vater des berühmten Cantautoren Fabrizio de André,  konnte die Gruppo Monti einen erheblichen Produktionsanstieg durch innovative Technologien verzeichnen. Gleichzeitig verschärfte sich die Konkurrenz auf dem europäischen Markt, weshalb das Unternehmen 41 Fabriken, darunter auch das alte Gebäude aus Forli, schließen und verkaufen musste. Ab diesem Zeitpunkt kontrollierte Eridania 35 Prozent des italienischen Zuckermarktes. Ende der 1970er Jahre wurde das Unternehmen an Serafino Ferruzzi verkauft. Dieser verstarb recht früh 1979 und der Schwiegersohn Raul Gardini trat als Nachfolger in das Amt der Ferruzzi-Gruppe. 1981 trat De André wegen Uneinigkeiten im Management der Unternehmensführung zurück. Die Ferruzzi-Gruppe kam durch die Tangentopoli-Untersuchung in Bedrängnis, weshalb sich Gardini das Leben nahm. Das Unternehmen wurde schließlich durch die Firma Sacofin SpA  2001 übernommen, welche das frühere Eridania in die zwei Sektoren Italia Zuccheri S.p.A. und Eridania Sadam S.p.A. aufteilte. Durch die Einführung strikter Regelungen durch die EU im Jahr 2005 schlossen einige Zuckerindustrien in Italien. Es blieben nur noch vier Zuckerfabriken übrig, von denen eine aus Eridania Sadam stammt. Im Laufe der weiteren Jahre kam es zu etlichen Übernahmewechsel der Zuckerfabrik durch Briten und Franzosen, wobei die Marke von Eridania nun in Händen von Cristal Union ist. Heute noch steht das alte Fabrikgebäude in Codigoro mit seinen zwei hohen Schornsteinen imposant in der Nähe des Flusses Po.

Pumpstation zur Trockenlegung Ca‘ Vendramin

Im Po-Delta liegt die Lokalität Ca‘ Vendramin (Taglio di Po (RO)), die wegen ihres Museums und der erhaltenen Pumpanlagen ein sehenswertes Beispiel der industriellen Archäologie darstellt. Um 1900 bis 1903 wurde die Anlage erbaut, 1905 ging sie schließlich in Betrieb. Das Gebiet der Isola di Ariano wurde in zwei Zonen unterteilt: einem oberen Becken, aus dem das Wasser mithilfe der vier saugstarken Pumpen in den Veneto-Kanal abgepumpt wurde und dem unteren Becken. Die Pumpanlage war zu jener Zeit um die Jahrhundertwende eine der stärksten Innovationen in Europa. Sie wurde durch Dampfmaschinen betrieben, die dann die Pumpen in Gang setzen konnten. Diese konnten dann 11.000 Liter pro Sekunde abpumpen. 1921 erfolgte dann ein teilweiser Umstieg zu einer elektrischen Pumpanlage. Bis Ende der 60er Jahre bliebt die Pumpstation von Ca‘ Vendramin in Betrieb und  überstand auch die verheerenden Überschwemmungen des Po in den Jahren 1957 und 1960. Heute können die früheren Pumpanlagen und sämtliches Werkzeug einschließlich Maschinen zur Trockenlegung im Museo della bonifica di Ca‘ Vendramin angeschaut werden. Auch der 60 m hohe Schornstein ist noch gut erhalten.

Cuorgnè – Beispiel vertikaler Industriebaukunst

Westlich von Ivrea und nördlich von Turin liegt die Kleinstadt Courgnè, die in ihrer Geschichte zu eines der bedeutendsten Standorte für die Baumwollproduktion in Italien wurde. La Manifattura ist heute noch von außen zu bewundern. Das gigantische Gebäude von 26.000 qm verteilt auf vier Stockwerken beherbergte rund 1.300 Angestellte, bevor das Unternehmen 1991 schloss. Die Anlage wurde von 1872 bis 1874 erbaut  mit einer für damalige Verhältnisse signifikanten Neuerung. Es wurde statt horizontal, vertikal gebaut. Für Maschinen, die überwiegend damals durch Hydraulik angetrieben wurden, war eine vertikale Bauweise entgegen der Technologie. Durch eine im Fundament befindlichen horizontalen Drehachse wurden die darüberliegenden Motoren der jeweiligen Stockwerke über eine Serie von Riemenscheiben und vertikaler Verbindungen zum Laufen gebracht. Das imposante Gebäude ist ein Meisterwerk der Architektur, was es zu bewundern gilt.

Milanesi e Azzi – Zementfabrik von 1894

Zwischen Weinbergen sanft eingebettet liegt unweit von Casale Monferrato die kleine Ortschaft Ozzano, die nicht nur wegen ihres Schlosses mit italienischem Garten, sondern auch wegen des beeindruckenden Fabrikgebäudes von 1894 bekannt ist. Das Gebäude des ex stabilimento Milanesi e Azzi stellt eines der wichtigsten und spektakulärsten Industriegebäude der Zone dar. Als die Kalk- und Zementindustrie in Italien zur Jahrhundertwende aufblühte, begann man mit dem Bau der Anlage, die in dem Bau von sechs vertikalen Zementöfen zwischen 1911 und 1924 gipfelte. Der Brennprozess konnte einerseits von den im Mauerwerk integrierten Schlitzen außerhalb und innerhalb durch den Brennkessel von den Arbeitern verfolgt werden. Zwischen den beiden Stationen, die einerseits vier Zementöfen und andererseits zwei Öfen umfasste, bestand eine aus Stahlbeton 1924 erbaute Seilbahn. Ein Kapillarnetz von Schmalspurbahnen verlief durch die Ebenen. Heute ist das Gebäude von außen gut anschaubar, was einem durch seine meisterhafte Industriearchitektur zur Jahrhundertwende zurückversetzt. 

Fiat und sein Lingotto in Turin

Das Unternehmen Fiat mit Sitz in Turin wurde durch neun Personen am 11. Juli 1899 gegründet. Es produzierte in seinem ersten Gründungsjahr bis 1900 20 Exemplare des ersten Fiat-Modells 3,5 HP. In den weiteren drei Jahren stieg die Produktion an, sodass Fiat bis zum Jahr 1903 134 HP-Modelle konstruieren und nach England, Frankreich und den USA verkaufen konnte. 1905 kaufte das Unternehmen die Werke Ansaldi und gründete Fiat-Ansaldi, welches schließlich zur Brevetti-Fiat-Gesellschaft umstrukturiert wurde. Im Laufe der Jahre steigerte das Unternehmen seine Produktion, bis es 1912 erstmals in Serienproduktion mit dem Modell Fiat Zero ging. Das Unternehmen konstruierte für den Großen Preis von Frankreich 1914 den S 57/14, wodurch es auch Erfolge bei Autorennen bis 1921 erzielen konnte. 1916 wurde das berühmte Automobilwerk Lingotto in Turin errichtet, 1923 fertiggestellt, was heute noch als eindrucksvolle Industrieinnovation in Italien gilt. Lingotto wurde zum größten, fortschrittlichsten und erfolgreichsten Automobilwerk Italiens und hatte auf seinem Dach eine Testrennstrecke von einem Kilometer. Während des Ersten Weltkrieges produzierte Fiat weiter, bis es 1932 seinen Rekord mit 22.122 Einheiten aufstellte. Der Export ging weiter voran. In den frühen 1970er Jahren reifte das Unternehmen zum größten Automobilkonzern in Europa heran und verzeichnete mehr Autoverkäufe als VW. Als europaweit Alternativen zu Fiat auf dem Markt kamen, verzeichnete das Unternehmen einen starken Einbruch. Es erholte sich nur schwer. 2005 konnt es dann erstmals wieder einen Gewinn verzeichnen. Lingotto schloss aber bereits 1982. Es wurde später bekannt, dass sich unter dem Automobilwerk die weltweit größte Rosterzmine befunden haben sollte und diese vom Unternehmen die gesamten Jahre der Produktion genutzt worden sein soll.